Aus der Pfarrchronik Anfang 19. Jahrhundert - Teil 3

 

Blick in die Geschichte der Pfarrgemeinde und des Ortes - Teil 3

 

Heute unvorstellbar! Oft schrieb er seine Aufzeichnungen in der „Ich-Form“. Die Beiträge beschäftigen sich mit den Veränderungen in der Mariahilf-Kapelle, Besitzerwechsel des Schlosses oder private Bautätigkeiten. Im folgenden Bericht geht es um die Zeitspanne von Oktober bis Dezember 1921.

 

2. Oktober 1921: Nachdem schon im Mai vom Generalvikar die Erlaubnis zur Bination (zweimaliges Halten der hl. Messe an einem Tag durch einen Priester) kam, gilt dies mit Beginn der Winterordnung künftig jeden Sonntag und Feiertag. Damit kann der Platzmangel in der viel zu kleinen Pfarrkirche teilweise abgemindert werden. Wegen der unsicheren Zeiten (Hauseinbrüche) ist den Expositurangehörigen nun der Wechsel im Gottesdienstbesuch möglich.

 

4. Oktober 1921: „Heute habe ich jenen Platz im Tiefentalerwald benediziert, wo L. Rucker, Bezirkstierarzt in Aichach einen Steinbruch eröffnen will“. Das Grundstück gehörte früher zur Mühle in Oberndorf. Der Platz ist etwa 200 Meter vom Anwesen Heinrich entfernt.

 

10. Oktober 1921: Heute wurde durch Notar Rösch in Kötzting die schenkungsweise Übertragung des Eigentumsrechts an der Mariahilf-Kapelle durch den Besitzer Josef Kyrein in Unterbiberg bei München an die Kirchenstiftung  Miltach notariell verbrieft. Kyrein besaß noch kurz vorher Schloss Miltach. Die Kirchenverwaltung war durch Kirchenpfleger Franz Heigl (Höhenried) vertreten.

 

Lebensmittelwoche: In der Zeit  vom 9. bis 17. Oktober wurde die Lebensmittelwoche durchgeführt. In den kleinen Bergdörfern sammelten Heigl aus Höhenried. Mesner Zistler und der Wirt Christl waren in Miltach unterwegs. In Flammried besorgte das Fuhrwerk der Landwirt Pongratz. In diesem Ort wurden zum Beispiel abgeliefert: Schmucker 32 Pfund Korn, Späth 100 Pfund, Wanninger 57 Pfund, Wenzl 44 Pfund, Pongratz 45 Pfund und Greil 47 Pfund Kartoffel. Im ganzen wurden bei der Sammlung gespendet: an Korn 8 ½ Zentner, Kartoffel 13 Zentner. Der größte Teil wurde in das Lagerhaus Kötzting für die Caritasstelle gebracht.

 

20. Oktober 1921: Das örtliche Wendelinfest wurde bei schönstem Wetter gefeiert. Die Beteiligung, auch von auswärts, war groß, aber nicht so groß wie voriges Jahr, als  die Viehseuche herrschte. Die Sammlung in der Kirche ergab 212 Mark. Als Festprediger fungierte Pater Becher von den Redemptoristen in Cham. Er predigte über den Glauben, seiner Notwendigkeit und Bestätigung desselben im Leben.

 

2. November 1921: Am vergangenen Samstag stellte Josef Hofmann seinen Stadel auf dem Zahberg (bei Flammried) auf, wo er nächstes Jahr sein Haus bauen will. Am Sonntag „weihte“ die Feuerwehr Oberndorf ihr neues Spritzenhaus beim Wirt ein. Am nächsten Samstag wird Brauereibesitzer Vogl seinen Dachstuhl aufsetzten, als Ersatz für die abgebrannten Scheune. Dazu wurden 80 Kubikmeter Bauholz gebraucht.

 

11. November 1921: Bei starker Kälte und starkem Schneetreiben aber trotzdem unter bemerkenswerten Zulauf wurde heuer Martini gefeiert. Dekan Josef Heigl, Furth i. Wald, hielt die   Festpredigt zum Thema: Glaube, Hoffnung und Liebe des hl. Martin. Es war ein Hochamt und anschließend die Prozession, an der sich 25 Reiter beteiligten. Die nachmittägliche Vesper war von einem weiteren Priester assistiert. Bei Brunnerwirt war Konzert bis in den frühen Morgen durch die Rattenberger Blaskapelle, in Oberndorf durch die Rundinger Kapelle, beim Bräu Vogl Ziehharmonika, ebenso beim Christl-Wirt – die ganze Nacht Singen und Gegröle!

 

15. November 1921: „Heute habe ich an Kyrein -  Unterbiberg – eine Holzstatue, 65  Zentimeter hoch, darstellend eine Altöttinger Muttergottes und ein Tafelbild mit Rahmen, darstellend das Antlitz des Herrn, per Bahn abgeschickt. Kyrein hatte sich die Stücke aus der Mariahilf-Kapelle als Gegengabe für die die unentgeltliche Übertragung der Eigentumsrechte erbeten. Für den Hochaltar ist der neu gefasste Tabernakel eingetroffen. Die Arbeit führte Maler Stoiber aus Kötzting aus.

 

Volksmission vom 27. November bis 4. Dezember 1921. Diese Volksmission war die erste, die in Miltach gehalten worden ist. Es kann sich wenigstens niemand einer solchen erinnern. Um 3.29 Uhr kamen die ersten zwei Missionäre mit dem Zug aus Richtung Straubing: Pater Dionys Habersbauer, zur Zeit Guardian in Eichstädt und Pater Nicilaus Körbel vom Kapuzinerkloster Rosenheim. Der dritte Pater, Walter Emmert, Superior in Mainburg kam erst am Montag. Alle drei wurden im Expositurhaus untergebracht. 

 

Am Sonntag zogen die Missionäre unter Begleitung der Kirchenverwaltung und einigen weiß gekleideten Mädchen bei Glockenläuten in die Kirche ein. Unter der Kirchenpforte sprach das Schulkind Rosina Wieser ein Gedicht. Am Altar erfolgte  dann die Stolaübergabe an den Superior der Mission, Pater Habersbrunner, der anschließend die Einladungspredigt hielt: „Selig wer an diesem Mahle (Mission) teilnehmen darf. Der Besuch der Missionspredigten nahmen mit der fortschreitenden Woche immer mehr zu. Bei den Standeslehren der Frauen und Jungfrauen waren alle Bänke besetzt. Bei den Standeslehren der Männer waren an der Frauenseite (linke Seite im Kirchenschiff) noch 7 Bänke und bei der Burschenpredigt noch 9 besetzt. Beichtgelegenheiten gab es in den zwei Schulhäusern. Das Heizmaterial wurde von der Gemeinde unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

 

Die Predigten waren sehr volkstümlich und allgemein verständlich. In der Schlussveranstaltung war die Kirche besetzt wie noch nie, ein fürchterliches Gedränge. Anschließend fand eine Prozession durch das Dorf statt. Die Leute äußerten sich allgemein hochbefriedigt über den Verlauf der Mission. „Es war schön, wirklich schön“ – so konnte man hören. Kein Misston störte die Mission. Männer kamen zu den Predigten, die man schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gesehen hat und zur Kommunionbank.

 

Abschließend stellte Pfarrer Holzgartner fest: „Ich hoffe zu Gott, dass die Mission kein Schlag ins Wasser war“. In einer Liste stellte er die Naturalien zusammen, die die Expositurangehörigen zur Verköstigung der Patres brachten, darunter zum Beispiel: 6 Pfund Schweinefleisch, 31 Pfund Mehl, 9 Pfund Butter, 84 Eier, 4 Laib Brot, 2 Pakete Kaffee, 3 Pfund Hechte und 2 Pfund Brachse. Allein Pater Nicolaus blieb in Miltach und half mir am Festtag „Maria Empfängnis“ den „Katholischen Mütterverein“ zu gründen.

 

Am 18. November 1921, überschlug sich das Personenauto des 51 jährigen Porzellanfabrikbesitzers Heinrich Seltmann aus Weiden. Der Unfall ereignete sich zwischen Eismannsberg und Voggenzell, wo das Fahrzeug auf einer Eisplatte ins Schleudern kam. Der Fabrikant kam dabei unter das Auto und wurde dabei schwer verletzt. Der Bruder und der Chauffeur kamen unverletzt davon. In Voggenzell wurde der Sterbende in zwei Häusern zurückgewiesen. Abends wurde er im Seelenhaus Miltach aufgebahrt. Sie wollten nach Teisnach fahren. Am 19. November wurde H. Seltmann nach Weiden überführt“.

 

Viermal ging der Eisstoß im Fluss Regen

Das Ende des Ersten Weltkrieges lag erst gut drei Jahre zurück und die Inflation steuerte unaufhaltsam ihrem Höhepunkt entgegen. Diese Umstände fanden natürlich auch im Alltagsleben der Menschen im Dorf am Regen ihren Niederschlag. Authentisch verdeutlicht wird  dies in der „Chronik des Expositurbezirks Miltach“, in der Pfarrer Karl Holzgartner die Ereignisse und Begebenheiten festhält. Im folgenden Artikel wird über die Monate Februar bis Juni 1922 berichtet, also an die Zeit vor genau 100 Jahren. Mit den Einträgen werden die Restaurierung der Kircheneinrichtung, die Bautätigkeit, die Witterung und die sozialen Verhältnisse dokumentiert.

 

„4. Februar 1922: Eisstoß. Heute früh um 8 Uhr ging der dritte Eisstoß in diesem Winter, nachdem es die ganze Nacht geregnet hatte. Aber bereits am Nachmittag setzte Ostwind und eine arge Kälte ein, so dass das Überflutungswasser sofort wieder gefror.

 

11. Februar 1922: Die neue Kälte erreichte ihren Höhepunkt in der Nacht vom 7. auf 8.2. mit etwa 20 Grad minus, sodass der Regenfluss neuerdings zufror. Heute lässt die strenge Kälte etwas nach. Am 24. Februar ging der vierte Eisstoß der sich dann in Chamerau gewaltig staute und erhebliche Überflutungen verursachte.

 

4. April 1922: In den ersten Tagen der vergangenen Woche hat der Sturmwind das Flachrelief „Maria Tod“ in der Mariahilf-Kapelle locker gerissen, worauf es auf den Boden stürzte. Es wurde ziemlich beschädigt. Es bekam zwei Risse und weitere Teile des spätgotischen (1480) Schnitzwerkes wurden demoliert. Kunstmaler Georg Achtelstetter – Neukirchen b. Hl. Blut – hat das Bild „Gnadenstuhl“ im oberen Teil des Hochaltares heute überbracht. Es ist nach seinem eigenen Entwurf gefertigt und auch vom Landesamt für Denkmalpflege gebilligt. Als Honorar wurden 2 000 Mark bezahlt. Heute haben drei Miltacher Buben die Aufnahmeprüfung zum Besuch des Gymnasiums in Straubing gemacht: Alfred Trenner, Oberlehrerssohn; Johann Elsner, Postbotensohn, und Peter Schambeck, Arbeiters- und Gütlerssohn. Alle drei haben die Prüfung bestanden.

 

11. April 1922: Heute wurde der restaurierte Hochaltar von Maler Stoiber – Kötzting – unter Mithilfe des Schnitzers und Drechslers Huber jun. und des Malergehilfen Hartmann aufgestellt. Viele Teile davon mussten neu geschnitzt werden. Geholt wurde der Altar gestern von Lommer. In den Tagen nach Christi Himmelfahrt wurde das Unterteil fertig marmoriert. Jetzt fehlen nur noch die Statuen. Auch das Orgelgehäuse und das Abschlussgitter des Chores wurden teils lasiert und lackiert, teils fertig marmoriert.

Inflationsgeldschein
Tod Mariens Kirche Miltach
Bautätigkeit

Die Bautätigkeit in heurigem Jahr war im Expositurbezirk ziemlich rege. Ganz neu sind entstanden Nr. 88 Am Anger, gebaut von Josef Zistler jun.; Wohnhaus bei Flammried, erbaut von Michael Hofmann; Wohnhaus in Höhenried von Josef Laumer; Ausnahmshaus von Franz Heigl, Höhenried. In Oberndorf errichtete der Maurer Vogl einen neuen Stadel und Josef Weber hat sein Holzhaus untermauert und vergrößert. Die Feuerwehr baute neben der Straße ein Gerätehaus.

 

19. Mai 1922: Bekenntnisschule:  Die von den Bischöfen Bayerns angeordnete Unterschriftensammlung zur Erhaltung der Katholischen Bekenntnisschule hat nun wirklich viel Arbeit und Rennereien gebracht. Es haben sich alle über 20-jährigen Katholiken unterschrieben. Nur 6 Personen haben die Unterschrift in meiner Gegenwart verweigert. Es gab insgesamt 512 Unterschriften. Ob es hilft?

 

11. Juni 1922: Hauptlehrerin Berger erklärte mir, dass sie wegen der Mehrarbeit durch die drei Fortbildungsklassen im Winter an Werktagen den biblischen Geschichtsunterricht nicht weiter geben kann. Ich übernahm dieselben und zwar ab sofort. Die anderen Lehrkräfte haben mir ähnliche Erklärungen bis jetzt nicht übergeben. Aushilfslehrer Schosser, hier seit 1. Mai, unterrichtet für den beurlaubten Lehrer Högl. Er verlässt morgen Miltach nach Ruhstorf. Lindenallee: Heuer im Frühjahr wurden die an der Bahnhofstraße gepflanzten Vogelbeerbäume und schlecht tragender Apfelbäume entfernt und von Straßenwärter Karl Lanzinger (Eismannsberg) durch eine Lindenallee ersetzt“, soweit die Einträge von Expositus Holzgartner.

 

Ein kurzer Nachtrag zum April 1922:  Was wurde aus den drei Buben, die 1922  in Straubing die Aufnahmeprüfung schafften?  Alfred Trenner ergriff in München den Beruf eines Polizeibeamten, Johann Elsner wurde 1936 zum Priester geweiht und ist in Russland vermisst. Peter Schambeck trat nach dem Krieg in die französische Fremdenlegion ein.

Kirche Miltach um 1950
Die Inflation steuerte auf ihren Höhepunkt zu

Im weiteren Text für die zweite Jahreshälfte von 1922 geht es um die Restaurierung der Innenausstattung der Pfarrkirche, um Auswanderung von vier jungen Männern aus Heitzelsberg nach Argentinien und um den Ablauf des Martinirittes. In weiteren Eintragungen beschreibt der Priester die katastrophale Teuerung in allen Lebensbereichen. Diese Entwicklung war eine Folge der Kriegsschulden aus dem Ersten Weltkrieg.

 

„7. Juli 1922 – Restaurierung:  Nachdem am vergangenen Montag die Seitenaltäre mit allen Zierraten abgebrochen wurden, fuhr Martin Heigl’s Sohn Baptist alles zusammen nach Kötzting zum Maler Stoiber. Beim Abbruch der Kanzel zeigte sich, dass die beiden Trägerbalken zur Mauer hin vollständig abgefault waren. Nach Wegnahme der Stiege stürzte der Kanzelaufbau herab. Es hätte ein großes Unglück passieren können, wenn dies zur Gottesdienstzeit geschehen wäre! Nun werden eiserne Schienen führ die Kanzel eingezogen.

 

8. August 1922 – Wirbelsturm:  Am Abend zog ein schweres Gewitter herauf. Es wütete sich über Miltach und gegen Blaibach hin aus. Um ¾ 9 erfolgte ein solcher Windstoß, dass das Expositur-Hausdach an vielen Stellen und auch das Kirchendach teilweise auf beiden Seiten bis unter den Giebel abgedeckt wurde. Darauf folgte ein schwerer Wolkenbruch, der die Decke in der Kirche beschädigte, die erst wenige Monate vorher renoviert wurde. Die Häuser im Dorf blieben dagegen mehr oder weniger verschont! Bei „Wieser-Sepp“ – Nagl – wurde eine Hundertjährige entwurzelt. Diese hatte sein Großvater, der 1833 heiratete, als Schulbub gepflanzt. Alle Jahre fand unter ihr das 3. Evangelium bei der Fronleichnamsprozession statt. Viele Obstbäume wurden entwurzelt, alle Kornmandl auf den Feldern riss der Sturm um.

 

1. September 1922 – Auswanderung: Am 1. September 1922 sind vier Burschen abgereist, um über Hamburg nach Argentinien auszuwandern. Ein Sohn des Müllers (Höcherls) aus Pulling soll sie dazu animiert haben. Es handelt sich um folgende Pfarrangehörige: Josef Kauer, Bauerssohn vom Rabenhof; Michael Wieser, Wirtssohn aus Heitzelsberg; Heinrich Rackl, *1904, (vulgo Schneidermann), Bauerssohn aus Heitzelsberg und Franz Rackl (Weindl), Bauerssohn von Heitzelsberg. Alle vier waren ledigen Standes. Holzgartner: „Bei mir hat sich keiner sehen lassen und in Miltach hat keiner gebeichtet oder kommuniziert“.

 

Ein ganz schlechtes Erntejahr

19. Oktober 1922 – Restaurierung – Am Vorabend des Wendelinifestes wurde wieder ein Teil der restaurierten Einrichtungsgegenstände in der Kirche aufgestellt. Am Baldachin der Kanzel kam eine neu geschnitzte Rahmenverzierung „nach Kötztinger Muster“ hinzu. Die ehemalige war total verfault. Auch die Martinsfigur und die Wendelinfigur kamen hinzu. Der Kunstmaler Georg Achtelstetter hat für den rechten Seitenaltar das obere Bild, hl. Gunther oder Ignaz (?) fertiggestellt.

 

Das heurige Erntejahr war nach Aussage der Expositurangehörigen das schlimmste seit 50 Jahren! Getreide und der zweite Grasschnitt, das Grummet, blieb draußen. Manche Bauern haben am 26. Oktober „noch geheut“. Am 27. November fiel bereits ausgiebig Schnee.

 

Martiniritt 1922. Das Martinifest wurde bei anfangs nebligen, später sonnigen Wetter, gefeiert. Festprediger war Pfarrer Sebastian Spanner aus Runding. An dem Umritt, der durch aufgeweichtes Erdreich behindert war, beteiligten sich diesmal 41 Reiter. Auch ich musste diesmal die Prozession auf einem Pferd mitmachen, da ich im Namen der Gemeinde an drei langjährige Martinireiter Ehrungen durchzuführen hatte. Ich ritt mit Carl Lindner, Franz Zitzelsberger aus Kötzting am Schluss der Prozession. Nach dem feierlichen Segen fand auf dem Platz zwischen Nemmer, Brunner und Mühlbauer die Übergabe von Bändern und einer Fahne statt.  Zuerst hielt ich eine kleine Ansprache, worauf zwei weißgekleidete Mädchen (Elisabeth Helfer und M. Christl) einen Spruch vortrugen. Danach befestigte ich an die Fähnchen des Herrn Lindner und an die des Herrn Zitzelsberger Erinnerungsbänder für 35, bzw. 31-malige Beteiligung am Martiniritt. Hierauf überreichte ich auch an den Bauern Laumer vom Holzhof mit kurzen Worten eine Fahne für 25-malige Beteiligung am Ritt. Die Blaskapelle trug nach jedem Akt ein Musikstück vor. Herr Lindner forderte die jungen Männer von Miltach auf, treu die guten Gebräuche hochzuhalten. Mit Befriedigung stieg ich vom Pferd und war froh wieder festen Boden unter meinen Füßen zu fühlen.

 

Nachmittag war Konzert beim Brunnerwirt und beim Bräu-Vogl. Als die Rattenberger bei Brunner um 3 Uhr früh aufhörten, hatten sie eine Einnahme von 100 000 Mark (Einhunderttausend!) Die Leute werfen ihr Geld wie Narren weg. Die Rundinger Kapelle die beim Bräu spielten, sollen 80 000 Mark eingenommen haben. Zeichen der Zeit!

 

Preise in Miltach im November: 1 Pfund Schweinefleisch 380 Mark, 1 Liter Vollbier 72 M., 1 Pfund Zucker 150 M., 1 Parafinkerze 25 M., 100 Gramm Tabak 150 M., 1 Pfund Schmalz 700 M., 1 Liter Petroleum 250 M. und 1 Zentner Kartoffel 300-350 M.

 

29. Dezember 1922: Verabschiedung Lehrer Trenner – Heute morgen verließ uns unser Oberlehrer Georg Trenner um in Eggendobl seinen neuen Posten anzutreten. Er war hier seit Juni 1913. Große Beliebtheit bei allen Bevölkerungsschichten zeichneten ihn aus. Er und seine Familie war sehr freundlich, leutselig und entgegenkommend. In Eggendobl hat Trenner keinen Kirchendienst und keine Verpflichtung  als Gemeindeschreiber, das ihn besonders anstrengte.

 

Gestern veranstaltete ihm die Gemeinde einen Abschied im Bräuhaus Vogl. Das Gemeindeamt überreichte ihm die Ehrenbürgerurkunde von Miltach und ein Blumenkörbchen durch Bürgermeister Ludwig Janker. Die Kirchenverwaltung schenkte zum Abschied das: „Heimatbuch des bayerischen Bezirksamtes Cham“, verfasst von Studiendirektor Johann Brunner. Weiter eine kleine Briefwaage, überreicht von Expositus Karl Holzgartner. Nachdem Georg Trenner allen gedankt  und Abschied genommen hatte, verließen wir um 23 Uhr das Lokal. Die Familie Trenner blieb teils bei mir, teils bei Lehrerin Berger und bei Bahnvorstand Hösl. Alles jammert um den Oberlehrer Trenner, da ihn alle sehr schätzten.

 

30. Dezember 1922 – Flachskollektur – In den letzten drei Tagen hielt Holzgartner in der Expositur die jährliche Flachskollektur. An Einnahmen verzeichnete er am Schluss 24 935 Mark. Am gleichen Tag schreibt er, ein Paar Schuhe kostet: 20 000 Mark. Die im Spätherbst vorgenommene Caritassammlung brachte folgendes Ergebnis: 22 Zentner Kartoffel, einen halben Zentner Äpfel und 800 Mark in Geld. Die Gebefreudigkeit war nicht groß und zwar manchmal besonders bei solchen, die es hätten. An persönlichen Einnahmen in Form von Stolgebühren gab der Geistliche an: 45 Taufen 1400 Mark; 7 Hochzeiten 845 M., 2 Versehgänge 24 M., 9 Kindsleichen 2108 M. und 13 Beerdigungen Erwachsener 5252 M.“

 

Ein bewegtes Leben

Einen interessanten Nachtrag gibt es zur Heinrich Rackls Auswanderung.  Bei einem seiner Heimatbesuche im Jahr 1984 erzählte der gebürtige Heitzelsberger rückblickend, wie es zur Auswanderung am 1. September 1922 kam. Es war keineswegs wirtschaftliche Not die den Bauerssohn trieb, sondern es hat schon eine gehörige Portion Fernweh und Abenteuerlust mitgespielt. Nach 26-tägiger Überfahrt erreichte er mit seinen drei Kameraden Buenos Aires. Hier hatte das enorme Reisegeld von 10 000 Mark wegen der hohen Inflationsrate nur noch einen Wert von zwei Essensportionen. Nach einer weiteren Eisenbahn- und Schifffahrt sowie tagelangem Ritt auf Mulis gelangte er an seinen Arbeitsplatz, eine Hochfläche von 3000 Meter über dem Meeresspiegel im Süden Argentiniens. Hier war in einem völlig unbesiedelten Gebiet eine Eisenbahnlinie zu bauen. Nach dreijähriger Aufenthaltsdauer in Südamerika zog es Heinrich Rackl in seine Heimat zurück, wo er als Hoferbe des „Schneiderbauern“ vorgesehen war.

 

Bereits im September 1926 verließ Rackl erneut die Heimat, diesmal nach den Vereinigten Staaten. Hier lernte er bei einem „Bayerischen Volksfest“, er sagte dazu in immer noch gutem Deutsch „Bayernpicknick“, seine Frau kennen, die gebürtige Wienerin Therese Schranz. 1934 fand dann in Chicago die Hochzeit statt. 1938 schifften sich beide in New York in Richtung Europa ein mit dem Vorhaben, sich in Wien eine neue berufliche Existenz aufzubauen. Zur sechstägigen Überfahrt benutzten sie die „Europa“, den zur damaligen Zeit schnellsten Dampfer.

 

Heinrich Rackl war Deutscher geblieben, seine Frau hatte bereits die US-Staatsbürgerschaft angenommen. Während des Zweiten Weltkrieges war Rackl in einem Rüstungsbetrieb in Wien eingesetzt. Seine Frau Therese verbrachte die sechs Jahre mit dem einzigen Sohn Helmut in Heitzelsberg. Nach Kriegsende schlug er sich – teilweise zu Fuß –  nach Heitzelsberg durch. Im Jahr 1946 verließen zunächst seine Frau und sein Sohn, ein Jahr später er selbst in Richtung USA. Bis ins Rentenalter arbeitete er in einer Brauerei, dann in einer Elektrofirma und später in einem Hotel.  Ab 1968 kam das Ehepaar Rackl jedes Jahr für drei bis vier Monate in die alte Heimat und wohnte im Geburtshaus des Ehemannes in Heitzelsberg. Eine Woche war beim Heimaturlaub immer für die Verwandtenbesuche in Wien eingeplant, wohin sie die Eisenbahn bringt. Auch zur Fahrt nach Frankfurt wurde der Zug benützt, um dann zum achtstündigen Nonstop-Flug nach Chicago zu starten.

 

Text u. Bilder: Erwin Vogl u. Pfarrgemeinde "St. Martin", Miltach