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Martiniritt früher

Der Miltacher Martiniritt in früherer Zeit:

 

Martini: „Kein Kitsch, wie heutzutage“

Die Miltacher halten an der Tradition fest. Ein Artikel von 1913 zeigt, wie sich ihr Martini-Ritt trotzdem gewandelt hat.

 

Die Pfarrei Miltach feiert alljährlich Anfang November am, zum 11. November nächstgelegenen Samstag, das Fest ihres Kirchenpatrons Sankt Martin. Weit über das Dorf hinaus bekannt ist der Martiniritt, der Reiter und viele Besucher auch von auswärts anzieht. Zur Geschichte des Miltacher Martiniritts haben wir einen Artikel aus dem Jahr 1913 gefunden, der in der Zeitschrift „Der Heimgarten“ erschienen ist und womöglich als erster Literaturhinweis auf das örtliche Fest gesehen werden.   

Martiniritt Kreuzträger 1983

Als Kreuzträger führt 1983 Franz Martin jun. die Reiterprozession an. Foto: Erwin Vogl

 

Mit dem Abstand eines Jahrhunderts ist es amüsant nachzulesen und zu vergleichen, wie sich der Ritt verändert und entwickelt hat. Vom Verfasser des Textes sind nur die Anfangsbuchstaben R. S. bekannt – möglicherweise Rudolf Scheibenzuber. Und hier der Text in großen Auszügen:

 

„Der Traunsteiner Georgi-, der Kötztinger Pfingstritt, um nur ein paar der bekanntesten Rossprozessionen zu nennen, sind schon so sehr zu Schaustellungen von Ruf geworden, dass mancher Besucher sich die Frage vorlegt, was an solchen, längst auch geschäftlich nutzbar gemachten Veranstaltungen, echt volkstümlich, wie viel dagegen in Anpassung an die Erwartungen und den Zeitgeschmack des Publikums allmählich hinzugefügt oder auch vom ursprünglichen Bestande weggelassen sein mag.

 

„Ritte kleineren Stiles“

Es ist daher ganz gut, dass sich abseits von solchen Paradestücken Ritte kleineren Stiles, wie die Martiniritte am 11. November, erhalten haben, die auch ohne Festprogramm und Festordner ihren ordnungsmäßigen Verlauf nehmen, da jeder Teilnehmer von den Vätern her weiß, was er zu tun und zu lassen hat.

 

o wenigstens ist es in Miltach im oberen Bayerischen Walde, wo man alljährlich am 11. November das Kirchenpatrozinium festlich begeht, nicht nur, indem das auch anderwärts übliche Ortskirchweihprogramm sich abwickeln lässt, sondern mit einer besonderen, dem heiligen Rittersmann Martinus zugedachten Ehrung, dem sogenannten Martiniritt.

 

Sachlich stimmt die Bezeichnung freilich nicht ganz, insofern es sich nicht um eine ausschließlich berittene Prozession handelt, sondern um eine gemischte, aus Fußgängern und zum kleineren Teile aus Reitern bestehende. Zum Heiligen betet man, dem Ritter zu Ehren tut man einen Ritt auf festlich geschmücktem Rosse. Mag auch der Heilige erwarten, dass alle Teilnehmer beten, der Ritter wird wohl dafür Verständnis haben, dass sein berittenes Gefolge sich im Reiten Genüge tut und das Beten dem armseligen Fußvolke überlässt.

 

Unmittelbar an das Amt, den festtäglichen Hauptgottesdienst, schließt sich etwa um 10 Uhr der festliche Auszug. Der Weg, den die Prozession nimmt, beschreibt außerhalb des Dorfes, zwischen diesem und der an der Straße nach Kötzting stehenden Mariahilf einen nicht zu großen Ring, der wenige Felder einschließt.

 

Am östlich gelegenen Wegzuge steht, für jeden Teilnehmer sichtbar, auf freiem Felde ein einfacher, weißgedeckter Tisch, der als Feldaltar dient.

  

Martiniritt Feldaltar1985

Der Feldaltar auf der Racklschusterwiese beim Martiniritt 1983 Foto: Erwin Vogl

Sobald ihn der Priester mit dem Sanktissimum erreicht hat, hält der ganze Zug an, jeder einzelne, wo er gerade steht, um das Johannes-Evangelium anzuhören und den Segen mit der Monstranz zu empfangen. Es mag nicht leicht sein für den amtierenden Geistlichen wie für den Chor, mit Ausdauer zu singen, während einem der herbstliche Ostwind um die Ohren pfeift und die Töne vom Munde reißt. Nur die Blechmusik, die nach dem Segen das „Großer Gott, wir loben dich“ spielt, behauptet sich im Sturme.

 

Mädchen tragen spätgotische Madonna

Der Zug setzt sich wieder in Bewegung, zurück zur Kirche. Das Vorrecht der Zugführung lag früher bei Schimmel und Knecht des Pfarrers zu Chamerau. Seit dieser beide abgeschafft hat, ist ein anderer berittener Kreuzträger dafür eingesprungen, der das schöne, altgeschnitzte Kruzifix führt. Ihm folgen zu zweien etwa 60 weitere Reiter, deren erstes Paar die auf hohen Stangen flatternden roten Prozessionsfahnen tragen.Die meisten Pferde tragen in Mähne und Schweif eingeflochtene kleine Papierrosetten, rosa und blau; allerhand ungewöhnliches Sattel- und Zaumzeug taucht auf, sogar eine scharlachrote Generalsschabracke mit gestickten Königskronen und handbreiten Silberrändern.

 

Martiniritt Martinsfigur 1990

Buben vom Trachtenverein tragen den Hl. Martin bei der Prozession mit Foto: Erwin Vogl

  

Martiniritt Blaskapelle 1990

Die Blaskapelle "Weißblau Königstreu" führt die Prozession 1990 an Foto: Erwin Vogl

 

Jetzt setzt sich die ganze Kavalkade in Trab, um rasch nach dem Friedhof zu gelangen, innerhalb dessen engeren Ummauerung die Kirche langsam umritten wird. Vier Schulbuben tragen das Namenstagskind, den heiligen Martin auf einem Schimmel reitend, wie er mit dem Schwerte seinen Mantel teilt zugunsten des am Boden liegenden Bettlers. Gipsfiguren und ähnlicher Kitsch, wie er heutzutage bei derartigen Gelegenheiten oft genug sich breit macht, wagt sich hier nirgends an die Öffentlichkeit. In lobenswerter Beschränkung zeigt die Prozession vielmehr nur noch ein weiteres figürliches Werk, eine von Mädchen getragene spätgotische Madonna. In eindrucksvollen Linien umhüllt die geschnitzte Gewandung schwer und warm die himmlische Mutter. Dem nackten Kindlein, das sie trägt, haben sie heute ein blauweißes Mäntelchen umgehängt.

 

Die Straße schmückt sich selbst

Es folgen dann die Vereine mit lebhaft flatternden Fahnen, die Feuerwehr mit blitzenden Helmen, der Kirchenchor, Laternenträger, dann der Himmel, zeitweilig gebläht wie ein Segel, dass die vier Träger ihn nur mit Mühe dirigieren können, und darunter der von auswärts beigezogene Aushilfspriester mit dem Sanktissimum, umgeben von rotröckigen Ministranten mit Rauchfass und Zubehör; die misera plebs der vereinslosen Männer und endlich Frauen, und ganz zum Schlusse zu Pferde der Ortsgeistliche in weißem Chorrock, begleitet von drei Jubiläumsreitern, die ihre durch mehr als fünfundzwanzigmalige Teilnahme erworbenen Ehrenfähnlein mitführen. Man zieht in die Kirche ein, wo der amtierende Geistliche den letzten Segen erteilt und das Te deum anstimmt. Heute schließt sich hieran noch ein allerletzter Schlussakt, demzuliebe der Ortsgeistliche sich überhaupt beritten gemacht hat, während er in gewöhnlichen Jahrgängen mit der Monstranz unterm Himmel schreitet, ohne einen Aushilfspriester heranzuziehen. Jetzt schwingt er sich auf dem kleinen Platze vor dem Friedhofstore nochmals in den Sattel und überreicht nach kurzer Ansprache dem Spitzenreiter, dem Kreuzträger, das ihm für langjährige Teilnahme verliehene Ehrenfähnchen. Das war der Übergang zur nüchternen Alltäglichkeit. Alles geht nach Hause, die Dorfstraße sieht wieder aus wie sonst auch. Denn auf Häuserschmuck, auf Flaggen und Triumphbogen ist man hier noch nicht verfallen, die Straße schmückt sich selbst, auf der Sankt Martin einher zieht mit seinem Gefolge zu Fuß und zu Ross“.

 

Martiniritt Kappenberger 1977

Der Kappenberger-Schmied 1977 bei der Arbeit

Foto: Erwin Vogl

  

Martiniritt Kirda 1990

Die Kirda Stände 1990 im Dorfzentrum

Foto: Erwin Vogl

 

Quelle: Mittelbayerische Zeitung vom 13. November 2015