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Aus der Pfarrchronik Anfang 19. Jahrhundert

 

Blick in die Geschichte der Pfarrgemeinde und des Ortes

 

Am 16. Juni 1916 trat der Priester Karl Holzgartner seine neue Pfarrstelle in Miltach an. Er war damals 37 Jahre alt und amtierte als Expositus in der Filiale Miltach, das hieß, er war verwaltungsmäßig dem Pfarrer von Chamerau unterstellt. Die örtliche Geschichte bedeutete dem beliebten Seelsorger viel. Besonders hervorzuheben ist bei der Würdigung seiner Tätigkeit als Forscher, dass Holzgartner kein Abschreiber war, der nur zusammenträgt, was er in anderen Büchern findet. Seine Arbeiten sind auf wissenschaftlicher Grundlage verfasst.

 

Nachts um 11 Uhr ratterte das Lastauto von Cham kommend durch Miltach mit Soldaten und Maschinengewehren. Am Mittwoch um 12 Uhr kamen sie wieder zurück mit 11 Verhafteten. Wer hätte einen solchen Wahnsinn für möglich gehalten? Wir stehen vor einem Bürgerkrieg!!

 
Stich Miltach

Er benutzte dazu nicht nur seine Pfarrbücher und die der benachbarten Pfarreien, sondern war in Archiven zu Hause, und das alles in einer Zeit ohne Telefon, Auto und Internet. In seinen Quellenangaben zählt er Salbücher, Brief- und Gerichtsprotokolle und die Monumenta boica auf. Neben der örtlichen Kirchen- und Schlossgeschichte erforschte er so manche Chronik alteingesessener Familien bis 1581.

 

Holzgartner beschäftigte sich darüber hinaus in Miltach mit religiösem und weltlichem Brauchtum, hielt Sagen fest und schrieb über die politische Einstellung der Dorfbewohner, über Auswanderung, Brände und Unglücksfälle. In den Beiträgen zur „Geschichte des Expositurbezirkes Miltach“ ergänzte er die Texte mit Zeichnungen und Fotos.

 

Ein weiteres Werk Holzgartners ist die „Chronik der Expositur Miltach“. Er kommentiert darin die Tagespolitik, hielt Wahlergebnisse, zeitgenössische Gedichte, eigene Einkommensaufstellungen, Wetterbeobachtungen und Viehzählungen fest.

 

 

Chronik ab 1916

Begonnen hat Karl Holzgartner seine Chronik mit einem Eintrag am 16. Juni 1916, dem Tag seiner Ankunft in Miltach: „Am Freitag, den 16. Juni, bin ich, Expositus Karl Holzgartner, mit dem Zug um 2 Uhr in Miltach eingetroffen. Mit dem gleichen Zug fuhr der bisherige Expositus Wendl auf seine übertragene Pfarrei Rattenberg.

 

Die Schulkinder, die ihn herausbegleitetet hatten, begleiteten mich, nachdem einige von ihnen Verse gesprochen hatten, ins Dorf zurück und zur Kirche, wo eine kurze Andacht stattfand. Finanzielle Schwierigkeiten, hervorgerufen durch Unterhaltung einer Kooperatur in diesen teuren Kriegszeiten und in der Nähe von Amberg, hatten mich veranlasst, meinen bisherigen Posten Kümmersbruck b. Amberg aufzugeben. Um die Expositur Miltach hatten, wie ich hörte, sich 15 Kollegen beworben.“

 

Im Nachfolgenden sollen einige beispielhafte Einträge widergegeben werden, die sich auf das Alltagsleben der Pfarrei beziehen: 11. Juli 1916: Firmung in Kötzting. Von hier 105 Firmlinge. Wir hatten einen Sonderzug bestellt (Miltach und Blaibach) der hier um 6.50 Uhr abging. Die Einnahmen deckten die verlangten 50 Mark nicht ganz. Pfarrer Gruber von Blaibach und ich mussten zusammen 1 Mark und 50 Pfennige draufzahlen. Nach der Firmung vereinigte ein für diese Kriegszeit üppiges Mahl alle Geistlichen mit unserer Exzellenz bei Schulinspektor Pfarrer Nagler. Bischof Antonius fuhr mit eigenem Fuhrwerk von Kötzting nach Cham. Um 5 Uhr kam er nach Miltach, er ließ halten, unterhielt sich einige Minuten mit mir über Miltach und fuhr unter Glockenläuten weiter.

 

18. November 1916: Eine mehr als gewöhnliche Kälte hat sich eingestellt. Der obere Teil des hiesigen Expositurhauses, der noch aus Holz besteht, ist unheimlich kalt und kaum zum Erheizen. Draußen im Feld stehen unsere Soldaten und gehen einem 3. Winter entgegen. Mit jedem Tag wird einem der Krieg ekelhafter.

 

3. August 1917: Glockenablieferung. Heute, während des Gottesdienstes, hat die mittlere Glocke mit 317 kg den Turm für immer verlassen. Als am 31. Juli die beiden Soldaten ankamen, um den Ausbau vorzunehmen, gab es fast einen kleinen Aufruhr im Dorf. Kirchenverwaltung und Gemeinde versammelten sich und beschlossen, nicht die zwei zur Ablieferung bestimmten Glocken herzugeben, sondern nur die mittlere. Ob es etwas helfen wird, muss die Zukunft zeigen. Die Leute sagen: „Jetzt sind die Glocken so hoch geweiht, und jetzt werden Kanonen daraus gegossen.“

 
Festlicher Gottesdienst

1. Januar 1919: Am Neujahrstag feierten wir einen festlichen Dankgottesdienst für glückliche Rückkehr unserer Krieger, wobei sich der Veteranenverein mit Fahne beteiligte, die Häuser um die Kirche und diese selbst war geziert, zwischen Nemmer und Brunner stand ein Triumphbogen. Am 2. Januar war dann Requiem mit Libera und Vigil für alle gefallenen und vermissten Krieger unserer Expositur: 40 Tote, das waren 20 Prozent aller eingezogenen Soldaten.

 

19. Juni 1919, Fronleichnamsfest. Schönes, sonniges Wetter! Die Prozession beginnt! Von den Männern will niemand Laternen tragen, wie es der Brauch ist – ein vierter Himmelträger fehlt, so dass Kirchenpfleger Heigl die Schauerkerzen daheim lassen muss. Am schlimmsten bei der Prozession führen sich die ledigen Weibsbilder auf, die nicht vorbeten, und nachdem sich meine Magd und noch eine die Mühe gemacht haben, vorzubeten, nicht einmal nachbeten. Im Bräuhof, beim 3. Evangelium, hört man Reden wie auf einem Jahrtag. Es möchte einem auf einen solchen Tag Angst werden! Die Feuerwehr ging nicht mit wegen Zerwürfnissen mit dem Veteranenverein.

 

Am 26. März 1924 wurde ich (Karl Holzgartner) in Regensburg auf meine Pfarrei Loitzendorf investiert. Tags darauf beerdigte ich noch die Jungfrau Anna Nagl, eine vere virgio, 62 Jahre alt, die mir wiederholt aushilfsweise den Haushalt geführt hatte in Miltach. Mit dem Zug um 3.29 Uhr verließ ich Miltach endgültig. Einen Abschied lehnte ich ab. Soweit eine kleine Auswahl von Einträgen des Priesters, die er in den acht Jahren auf 232 Seiten in deutscher Schrift hinterließ.

 

 

Zur Person:

Pfarrer Karl Holzgartner

Karl Holzgartner wurde am 26. März 1879 in Neustadt an der Waldnaab geboren als Kind des Michael Holzgartner, Müllerssohn von Köblitz, und der Katharina Bäuml, Müllerstochter aus Bärnau. Die Firmung empfing er am 26. Mai 1889 in Wörth an der Donau.

 

Die Gymnasialzeit verbrachte er in Metten, das Theologiestudium erfolgte in Regensburg, wo er am 26. Mai 1903 zum Priester geweiht wurde. Zunächst war er Aushilfspriester in Kemnath, Gosseltshausen, Ascholdshausen und Haberskirchen. Vom 12. Oktober 1906 bis zum 22. April 1908 war er in Haindling als Kooperator tätig, bis er am 1. November 1912 seine neue Stelle als Expositus in Kümmersbruck antrat.

 

Von 1916 bis 1924 war er in der Expositur Miltach um danach die Pfarrei Loitzendorf zu übernehmen. Nach zehnjähriger Tätigkeit verließ er das Dorf, denn es zog ihn unwiderstehlich nach Mindelstetten, wo die stigmatisierte Dulderin Anna Schäffer lebte. Bis zu seinem Tod am 8. Februar 1961 lebte Pfarrer Karl Holzgartner als Ruhestandsgeistlicher in Pförring. Beerdigt wurde er in Mindelstetten.

 

Holzgartner
Alt Miltach
Dorf im Regental
Aufzeichnungen in zwei Bänden und Auszüge aus 1918

In Miltach hinterließ der Geistliche zwei handgeschriebene Bände, die „Beiträge zur Geschichte des Expositurbezirks“ und die „Chronik der Expositur Miltach“. Letztere ist deshalb so interessant, weil darin die Verhältnisse und die Auswirkungen des 1. Weltkrieges auf das Dorf authentisch, aber auch sehr kritisch geschildert werden. Aus Datenschutz-Gründen werden in diesem Bericht nicht alle Familiennamen vollständig genannt.

 

Hier sind einige Auszügen über das erste Vierteljahr 1918, das der geschichtsinteressierte Geistliche vor 100 Jahren mit datierten Tageseinträgen festhielt. Holzgartner schrieb aber auch Ereignisse aus seinem privaten Leben in der Chronik nieder.

 

1. Januar 1918: Der erste Tag des Neuen Jahres war ein kalt-sonniger Wintertag. Den Nachmittag brachte ich auf dem fast ganz zugefrorenen Regen mit Schlittschuhlaufen zu.

 

12. Januar: Die Schneemenge nimmt unheimlich zu. Gestern waren so wenige Kinder in der Schule, dass wir sie Mittag alle nach Hause schickten. In den Oberklassen fehlten über die Hälfte, in den Unterklassen 51 von 84 Kindern.

 

8. Februar: Anfangs Februar ist die Nachricht eingetroffen, dass zwei schon längere Zeit vermisste Krieger der Expositur als gefallen gelten: nämlich Karl Höcherl, Sohn des hiesigen ehemaligen Müllers Höcherl, dessen Familie jetzt im Schloss wohnt. Er ist vermisst seit 16. April 1917, seit der Apriloffensive. Der Kriegsgefangene Offiz. Stellvertreter Haberl sagte nun unter Eid aus, dass Höcherl an diesem Tage durch Kopfschuss gefallen ist. Franz Heigl, Sohn des Bauern und Kirchenpflegers Heigl von Höhenried, ist bereits seit der Somme-Offensive vermisst. Der Kriegsgefangene Mittermeier sagt nun aus, dass er bei Marval an der Somme am 18. September 1916 durch Bauchschuss gefallen ist.

 

9. Februar: Heute war der Besitzer des Schlossgebäudes Miltach, Herr Elias Weinmann aus München, Adelgundenstraße, hier. Er bot mir den Altar in der Schlosskapelle zum Kauf an, Kosten 4 000 Mark. Heute, 2 Uhr morgens, ist der Friede zwischen dem Vierbund und der ukrainischen Republik unterzeichnet worden. Gott sei Dank! – Hoffentlich wirkt er ansteckend.

 

 

Der Friedensschluss

16. Februar: Wolfgang Fischer in Oberndorf hat sein Anwesen mit Grund, Vieh und Fahrnis um 10 000 Mark an einen Händler in Cham verkauft, der es jetzt einzeln veräußert.

 

25. Februar: Von Cooperator Auer, Moosbach, den ich gestern in Zandt traf, wohin er zum Abschiednehmen gekommen war, er ist als Benefiziant nach Dengling versetzt, hörte ich, dass bei einer Hochzeitsfeier beim Wirt in Heitzelsberg, am Tage nach Aschermittwoch, unter Grammophonbegleitung flott getanzt wurde – und das obwohl die (…Name) eine Kriegerwitwe und ihr Mann erst im April 1917 gefallen ist – obwohl Kriegszeit – obwohl Fastenzeit - W a l d l e r !!

 

3. März: Am 3. März 1918 wurde endlich der Friede mit Rußland unterzeichnet. Wir erfuhren es am Montag den 4. März mittags. Die Nachricht löste wohl allgemeine Befriedigung, aber keine laute Freude aus. Ich steckte unsere Fahne hinaus, hielt am Mittwoch einen schulfreien Tag, von Freudengeläute mussten wir in Miltach absehen, da uns die Glocken fehlten.

 

6. April 1918: Das erste Opfer der großen Kaiserschlacht Monchy – Le Fere ist gemeldet aus unserer Expositur. Es ist der Minenwerfer im 6. Bay. Infanterie Regiment, der am 26.3.1918 durch einen Granatvolltreffer fiel: der Bankgehilfe Alois Gmeinwieser von Miltach. Er ist aufgewachsen bei seiner Tante Lommer. Er erreichte nur ein Alter von 20 Jahren. Sein Grab ist in Boiry Becquelles.

 

24. April 1918: Am 4.4.1918 ist der als Hilfslehrer nach Kötzting ernannte Bauerssohn Josef Früchtl von Oberndorf an der Westfront gefallen, er erreichte ein Alter von 23 Jahre und 8 Monate. Seinen Tod führte eine Maschinengewehrsalve herbei, die ihn mitten im Halse traf.

 

26. April 1918: Die Beichtzettelsammlung hat ergeben: 42 Mark in bar und 700 Eier a 16 Pfennig = 112Mark. Der mich begleitende Träger Martin Nagl erhielt für zwei Tage 8 Mark.

 

18. Mai 1918: Rohe Jugend! Am vergangenen Ostermontag haben junge Burschen, die kaum der Schule entlassen waren, während des Gottesdienstes in der Seelenkapelle zu Harrling einen bereits beschädigten hölzernen „Herrgott auf der Rast“ den noch vorhandenen Arm abgeschlagen und dann die Figur mit einer Schlinge um den Hals aufgehängt. Einer der Lausbuben fügte höhnisch hinzu: „So, jetzt haben wir eine 15. Kreuzwegstation: Der für uns gehängt worden ist“.

 

29. Mai 1918: In der Nacht vom 26. zum 27. Mai hat es sehr stark gereift. Man fürchtet, dass das Korn darunter gelitten hat. Bohnen und Kartoffel wurden stellenweise schwarz.

 

Heute sind drei durch den „Katholischen Fürsorge Verein Regensburg“ vermittelte Stadtkinder aus Chemnitz i. Sachsen hier angekommen. Aufgenommen wurden sie von den Familien Christl in Hütten, Laumer in Höhenried und Münch in Oberndorf.

Brief aus dem Felde. „Sehr geehrter Herr Expositus! Einige Ruhetag erlauben mir, Verwandten und Bekannten Nachricht von mir zu geben. Am 5.6. wurde unsere Kompagnie von Afrikanern unter französischer Führung nach halbstündigem Trommelfeuer angegriffen. Der Angriff wurde im Nahkampf glatt abgewiesen, wobei etwa die Hälfte der Schwarzen mitsamt ihrem französischen Leutnant tot vor uns liegen blieben“. (NB: Dr. Früchtl stammt aus Oberndorf)

 

16. Juni 1918: Die „Spanische Krankheit“ (Grippe) ist seit mehreren Tagen auch in unseren Bezirk eingezogen und seit gestern auch ins Expositurhaus. Meine Schwester hat sie als erstes Opfer gepackt. Die Ernte hat begonnen. Auf das Hochwasser ist jetzt Erntehitze gefolgt.

 

Alte Kirche Miltach
Auszüge aus der Chronik 1919

„20. April 1919 – Seit Karfreitag haben wir wenigstens wieder schönes Wetter, aber der politische Himmel hängt voll schwarzer Gewitter. Die Betriebs- und Soldatenräte rufen in München für Bayern eine kommunistische Räterepublik aus. Selbst in Kötzting hat es in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch (15./16. 4.) nach der Verhaftung der beiden Hauptspartakisten Steger und Kollervogl Radau gegeben.

 

 

„Saubere Patrons!!“

Am 14. April wurden zwei Verbrecher, die am 18. Dezember 1918 bei Leitl an der Straße nach Eismannsberg morden und rauben wollten, verurteilt. Johann Z., Dienstknecht von Eschlsaigen, 26 Jahre alt, erhielt wegen Mordversuch 14 Jahre Haft, Max R., Häusler, aus Hohenwarth wegen Totschlagversuch 10 Jahre und Hermann M. aus Miltach 6 Monate Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust. Saubere Patrons!!

 

25. April – Am Samstag ist Hans Zankl zurückgekehrt. Er war über Kertsch am Schwarzen Meer, dann Nicoloy, über Konstantinopel, Sizilien in seine Heimat zurückgekehrt. Seit 24. April ist der gesamte Personenzugverkehr eingestellt. Wohl hauptsächlich wegen Kohlenmangel, vielleicht auch im Zusammenhang mit den kriegerischen Maßnahmen in München.

 

28. April – Heute ist um 3.45 Uhr ein langer Zug mit Freiwilligen (Waldlerbataillon) , der in Cham zusammengestellt wurde, in Richtung München hier durchgefahren.

 

1. Mai – In der Nacht zum 1. Mai wurde im Kerschergarten („Holzer“) ein Maibaum aufgerichtet.

 

4. Mai - Endlich ist einmal ein schöner Maitag angebrochen, nachdem es im März/April und auch noch gestern fortwährend regnete. Gestern war bei Brunner-Wirt wieder ein Ball – in dieser entsetzlichen Zeit des Bürgerkrieges kann man tanzen! Soziball !!

 

12. - 14. Mai – Beichtzettelsammlung. Der Beichtzettelsammlung sah ich heuer mit einigem Bangen entgegen. Diese Sorge war nicht ganz unbegründet. Der Krieg und die Revolution haben verwildert. Dass viele 3, 4, ja 5 Jahre nicht mehr gebeichtet haben, musste ich schon in den Osterbeichten erfahren. Zu einem Grobian, Alois P. , der mir gelegentlich der Beerdigung des unehelichen Kindes seiner Stieftochter schon Ungezogenheiten gemacht hatte, ging ich nicht. Ich hatte recht getan. Denn seine Nachbarin erzählte mir, dass er geäußert habe, er bleibe heut eigens zu Hause, um es mir nochmal ordentlich zu sagen.

 

 

Beichtzettel, aber keine Eier

Ludwig R. empfing mich mit den Worten: ‚Den Beichtzettel kriegens, aber nicht die üblichen Eierspenden.‘ Er schimpfte dann über die Feldgeistlichen, warf mir vor, dass ich in meinen Predigten politisiere und dass er darum seit einigen Sonntagen nicht mehr in die Kirche gehe. Politisiert habe ich natürlich nicht, wohl aber den Grundsatz der Sozialdemokraten kritisiert, wonach Religion Privatsache sei. Ich kam ganz aufgeregt nach Hause, ‚diese Waldlerbüffel‘. Die Beichtzettelsammlung wird alle Jahre unangenehmer.

 

21. Mai – Waldlerbataillon. Von hiesiger Expositur waren an der Expedition gegen München beteiligt: Muschy, Miltach; Hartl, Tiefental; Hunger, Miltach und Stoiber, Oberndorf. Der einzige Gefallene beim Bataillon, der Lehrer und Vizefeldwebel Hans Schmaus aus Cham, wurde bei einem Patrouillengang zwischen Muschy und Hartl angeschossen und verblutete sich, da die Hauptschlagader am Fuß getroffen war. Er starb am 1. Mai.

 

19. Juni – Fronleichnamsfest. Schönes, sonniges Wetter. Die Prozession beginnt. Von den Männern will niemand die Laternen tragen, wie es der Brauch ist – ein vierter Himmelträger fehlt, so dass der Kirchenpfleger Heigl, Höhenried, die Schauerkerzen daheim lassen muss. Am schlimmsten bei der Prozession führen sich die ledigen Weibspersonen auf, die nicht vorbeten, und, nachdem sich meine Magd und noch eine die Mühe gemacht, vorzubeten, nicht einmal nachbeten. Im Bräuhof, beim 3. Evangelium, hört man Reden wie auf einem Jahrtag. Es möchte einem auf einen solchen Tag Angst werden. Und das, obwohl ich am Dreifaltigkeitssonntag eigens eine Fronleichnamspredigt gehalten habe. Die Feuerwehr ging nicht mit wegen Zerwürfnissen mit dem Veteranen Verein. Nachmittags war beim Brunner-Wirt und beim Bräu Konzert. Im Handumdrehen machten die jungen Leute eine Tanzmusik daraus.“

 

Der Datenschutz war damals noch kein Thema, denn auch bei kritisch verfassten Berichten ist immer der vollständige Namen angegeben.

 

 

Der Laib Brot für vier Mark

8. August 1919: „Gestern bekamen meine Schwester, die mir den Haushalt führt, und ich wieder den ersten Reis zu kaufen, das Pfund zu 2 Mark und 30 Pfennig sowie das erste amerikanische Weizenmehl, es kostete 65 Pfennige. Die Hamsterei und Wucherei ist immer noch groß. So soll die Großbäuerin Lina W. an die Bäuerin Wols, Kötztinger Straße, einen Zentner Korn vom Vorjahr um 40 Mark verkauft haben mit der Begründung, dass sie das auch von dem meist – Nürnberger Hamsterer – bekommen würde. Die Ernte ist ja heuer um drei Wochen später wie sonst. Eine Bäuerin aus Eismannsberg hat an eine Frau aus Miltach einen Laib Brot um vier Mark verkauft, ,von den Hamsterern bekomme ich fünf Mark‘, sagte sie.“

 

1. September 1919: „Messgewand – Habe heute von Pfarrer Stauner in Chamerau ein weißdamastenes Messgewand mit Goldborten weihen lassen. Ich habe es bei meinem letzten Aufenthalt in München bei M. Jörres, Domfreiheit, zum Preis von 220 Mark gekauft. Vor dem Krieg hätte es vielleicht 150 Mark gekostet, also wohl zu teuer!“

 

5. September 1919: „Schloss – Nach vielen Jahren der Vernachlässigung wird das Schloss durch den neuen Besitzer Josef Kyrein (seit 1918) jetzt außen neu verputzt und das Dach teilweise neu gedeckt.“

 

7. September 1919: „Sonntagsheiligung – Heute, Erntedankfest, ging Bierl mit etwa 3 bis 4 weiteren Männern, die ihm halfen, zum Grummetmähen. Am Samstag war Rossmarkt in Cham, da hatte niemand Zeit für diese Arbeit – aber der Sonntag ist gut genug.“

 

Zentner Weizen für 155 Mark

 

7. bis 14. September 1919: Neuer Bahnhof – In der vergangenen Woche wurde vom neuen Bahnhofsgebäude, das etwa 200 Meter vom alten entfernt ist, der Dachstuhl gehoben. Die Zimmermannsarbeiten allein kommen auf 20000 Mark, die Maurerarbeiten auf 24 000 Mark.

Kirche Pfarrhof

Am 6.9.1919 Tanzmusik beim Christlwirt, am 13.9. bei Wieser in Heitzelsberg, am 20.9. bei Brunnerwirt und am 27.9. sollte eine Tanzveranstaltung beim Wirt in Oberndorf sein. Die Wirtin sagte aber: ;Ich gebe meine Sach‘ lieber dem Hamsterer, da krieg ich mehr‘.“

 

30. September: „Die Lebensmittelpreise werden immer unerträglicher, alles steigt unheimlich infolge der unerhörten Preistreiberei. Das Leder ist um 50 Prozent gestiegen. Die Fahrpreise werden bei der Bahn ab 1. Oktober ebenso um 50 Prozent erhöht. In Krailing, so wird erzählt, soll ein Bauer den Zentner Weizen um 155 Mark verkauft haben.“

 

2. Oktober 1919: Die Lebensmittelpreise werden immer unerträglicher, alles steigt unheimlich infolge der unerhörten Preistreibereien. Das Leder ist um 50 Prozent teurer. Die Fahrpreise der Bahn sind seit 1. Oktober ebenso um 50 Prozent erhöht worden. In Krailing, so wird erzählt, soll ein Bauer den Zentner Weizen um 155 Mark verkauft haben.

 

11. Oktober 1919: Anfang des Monats verkaufte Witwe Kermer, Flammried, nachdem ihr Mann gefallen war, ihr Anwesen um ca. 35 000 Mark an Vogl aus Blaibach. Am Samstag, 4. Oktober, fand ein sozialdemokratisches Tanzkranzl statt. Ich rügte diese fortgesetzte Tanzwut am Rosenkranz-Sonntag in der Predigt, am Montag bekam ich bereits von dem „Sozi“ G. (Musiker) einen ungezogenen Brief. Am Heutigen findet vom neugegründeten Burschenverein Oberndorf ein Tanzkranzl statt. Alles Predigen ist umsonst, meinem Priesternachbarn in Zandt geht es ähnlich wie mir.

 

Heute soll Brauereibesitzer Vogl das Anwesen der Alten Post an den zugezogenen Schlosser Sagerer um 35 000 Mark verkauft haben. Dieser will sich hier eine Werkstätte einrichten. Das Bierausschenken wird dann aufhören.

 

1. November 1919: Erster Schnee. Vom Abend des 30. Oktober bis Abend des 31., also den ganzen Wolfgangitag, hat es unaufhörlich geschneit. An einem windfreien Platz habe ich 16 Zentimeter Neuschnee gemessen. Der Schneedruck hat, da heuer die Bäume noch belaubt waren, im Obstgarten großen Schaden angerichtet.

 

12. November 1919: Das Martinifest wurde in herkömmlicher Weise gefeiert. Trübes, nasskaltes Wetter, schmutzige Wege. Während der vorhergehenden Nacht leichter Schneefall. Die Festpredigt hielt Expositus Alexander Schwab, Steinbühl. An der Prozession beteiligten sich über 50 Pferde. Die Nachmittagsvesper hielt Pfarrer Stauner unter Assistenz des Benefiziaten Wurm, Zandt.

 

Am 2. Dezember 1919 wurde Georg Stauber als neuer Expositus in Harrling eingeführt. Die Harrlinger hatten ein von einer gewissen Barbara Lex zur Verfügung gestelltes Haus durch Umbau für ihn als Wohnung hergerichtet. Es ist zwar etwas klein, besonders weil die Stifterin bis zu ihrem Tod noch darin wohnt. Der Festeinzug war sehr feierlich: 3 Feuerwehren, Veteranenverein, weißgekleidete Mädchen, Triumphbogen, Böller und die Sattelpeilnsteiner Musikanten. Im Wirtshaus sprachen Pfarrer Karl Alkofer, Moosbach, Benefiziat Wurm, Zandt und Benefiziat Jakob Auer.

Flachskollektur 1919. Ich hielt sie heuer in Begleitung von Johann Nagl vom 1. bis 3. Dezember. Der Ertrag belief sich auf 314 Mark bar, 12 Bündel Flachs und einem Rucksack Äpfel und mehrere Stück Brot. Verschiedene „Freunde“ schnitt ich, um mir Verdruss zu ersparen. Meinem Träger Nagl gab ich 15 Mark.

 

Den 19. Dezember lud der neue Schlossbesitzer Josef Kyrein mich und die Lehrkräfte zur Besichtigung der restaurierten Innenräume ein. Alle Zimmer sind neu getüncht und machen einen vorzüglichen Eindruck. Im unteren Teil richtet er eine Fabrikanlage ein.

 

28. Dezember 1919. Am Sonntag wurde in der Brauerei Vogl eine Elternvereinigung gegründet. Benefiziat Stöcklein hielt ein Referat. Die meisten Eltern traten bei. Die Lehrer bringen derselben Misstrauen entgegen, doch waren sie anwesend. Hauptlehrer Trenner nahm die Stelle als Beirat an.

 

 

Ein neues Jahr 1920 beginnt

15. Januar 1920: Der Bauer L. aus Liebenau hat vor einigen Wochen für einen Zentner Weizen 140 Mark verlangt. Diese Wucherer werden sicher noch einmal bestraft.

13. Januar 1920: Hochwasser.  In der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch stieg das Wasser des Regens in Folge von Tauwetter zu einer Höhe wie schon lange nicht mehr. In der Nacht um 3 Uhr mussten sie beim Schmied-Musiker (neben Brunnerwirt) den Stall räumen, da die Kühe bereits bis zum Knie im Wasser standen. Anno 1893 soll es in Miltach noch größer gewesen sein. Auch 4./5. Februar 1909 scheint es nicht so hoch gewesen sein.

 

21. Januar 1920: Elektrisches Licht. Gestern und heute werden die Leitungen für das elektrische Licht von der Firma Schindlauer, Lam, im Expositurhaus gelegt. Am 31. Januar hat es das erste Mal geleuchtet. Es flackert zwar etwas, aber nach dieser Lichtnot, wo das Pfund Karbid jetzt 4 Mark und der halbe Liter Freipetroleum 5,80 Mark kostet, empfindet es man als große Wohltat. Die Rechnung für 8 Lampen samt Zähler und Leitungen betrug 1130 Mark, die Lampe circa 120 bis 130 Mark.

 

13. Februar 1920: Seit vergangenem Freitag, 6.2.20, wird das Sanktissimum (Monstranz) auf Anordnung des bischöflichen Ordinariats nachts im Expositurhaus aufbewahrt. Die Kircheneinbrüche haben sich allerorten unheimlich vermehrt. Die Entweihung des Allerheiligsten dabei schreit zum Himmel. Allem Anschein nach breitet sich ein Geist  „sine mosericondia“ aus: Hungersnot – Bolschewismus, die Preise steigen unheimlich.

 

Maria-Hilf-Kapelle

20. Februar 1920: Eine Zeiterscheinung. Seit einigen Wochen schält jung und alt Faulbaumrinde, das ist die Rinde von der so verachteten „Hundsbirlstaude“. Auf Weg und Steg stößt man auf die Überreste der abgeschnittenen Sträucher. Bei meinem Nachbar, Schneidermeister Ludwig, werden sie verkauft. Er bezahlt für das ungetrocknete Pfund  (500 Gramm) 1 Mark und 40 Pfennig. Ebenso ist das Scherfangen (Maulwurf) in einem Maße eingerissen, dass die Ausrottung dieser Tiere zum Schaden der Ökonomie bevorsteht. Jetzt bezahlt man für ein getrocknetes Maulwurfsfell 24 bis 25 Mark! Ein Marderfell kostet heute 2200 Mark. Die Preise steigen täglich.

10. März 1920: Ich habe mir gestern die Pfarrei Mating (bei Pentling) angesehen. Der Pfarrhof ist modern! Ich habe vor, mich für dort zu bewerben.  In Regensburg, wo ich nachts um 0.30 Uhr ankam, musste ich im Wartesaal übernachten, er war voll von Kriegsheimkehrern, die meisten gut aussehend.

13. März 1920: In dieser Woche wurde meine Holzschupfe restauriert. Statt des bisherigen einseitigen Daches, das viel  zu flach war, so dass Regenwasser durchtropfte, bekam ein Satteldach. Die Kosten beliefen sich, wenn man das vom Kirchenwald kommende Holz in Anschlag  bringt, zirka 2 Kubikmeter a 400 Mark, auf rund 1200 Mark.

 

Putsch. Heute Abend wird erzählt, dass ein Telegramm den Sturz der Berliner Regierung meldete. Die Reichswehr stand ja ganz rechts, das wusste man schon lange! Wenn nur nicht die Wut der Protestanten mit auf den Ministersessel steigt!!

 

14. März 1920: Am Vormittag nach dem Gottesdienst fand im Bräuhaus Vogl eine Versammlung der Volkspartei statt. Die Tische waren gut besetzt, darunter viele auswärtige Männer. Der Partei-Vertreter Meyer aus Passau sprach über Steuerfragen und über die Judenfrage im antisemitischen Sinn.

 

21. März 1920:  Heute feierten wir das Heimkehrerfest für 17 heimkehrende Kriegsgefangene mit Kirchenzug, Predigt, Dankgottesdienst und Festessen. Nachmittags Konzert im Gasthaus Brunner, von 17 bis 20 Uhr war ich auch dort mit den beiden Lehrern. Wir spielten einen Tarock aus der Hand, wobei ich 2 Mark zahlen musste.

 

Maria-Hilf-Kapelle

12. April 1920: In der letzten Ausgabe der Zeitschrift "Bayerland" ist ein Artikel über Miltach enthalten, der von mir stammt. Die Bilder sind teils von meiner Cousine Sophie, teils von Spitalpfarrer Oberschmied. Am 11. April 1920 hielt ich die Generalversammlung des Kirchenbauvereins St. Martin. Dieselbe fand beinahe mit Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nur zirka 25 Personen hatten sich im Gasthaus Brunner eingefunden. Wie immer - wenig Interesse!

 

25. April 1920: Heute Bauernbund-Versammlung.

 

1. Mai 1920: Im vergangenen April herrschte durchgehend herrliches Wetter, wie seit Menschengedenken nicht mehr. Warm und sonnenreich, nur am Ostermontag und einige Tage zum Schluss des Monats hat es geregnet, aber warm. Auch Kälte blieb aus. Die Saaten stehen prächtig. Heute, 1. Mai, war ein sehr warmer, wolkenloser Frühlingstag. AD 1762 soll es ähnlich gewesen sein.

Schloss Miltach

20. Mai 1920: Herrliche Maitage, so schön wie schon seit Jahren nicht mehr. Mühlenbesitzer Paul Dattler hat die Mühleneinrichtung entfernt und wird nur noch das Sägewerk betreiben. Die Mühle war das älteste Handwerk als Gewerbe in Miltach. Schon im Jahr 1100 wird die Mühle erwähnt. Bauer Josef Heigl hat sein hölzernes Austragshaus, das die Einfahrt behinderte, weggerissen. Es war sehr klein und hatte kleine Fenster.

 

Beichtzettelsammlung: Das Ergebnis der diesjährigen Beichtzettelsammlung betrug: 784 Eier, Stück 60 Pfennig = 470,40 Mark und 90 Mark Beichtzettelgeld. An Ausgaben fielen an: 20 Mark für Träger Nagl und zechfrei halten. Von Grobheiten blieb ich heuer verschont. Zwölf Personen konnten keinen Beichtzettel vorlegen. Auswärtige Beichtzettel stammten aus: Blaibach 27, Cham 35, Kötzting 5 und Straubing 2.

 

Die Wahlen: Wahlberechtigte Personen für die Gemeinden Miltach, Oberndorf und Eismannsberg: 487, gewählt haben 289. Eine große Wahlflauheit, unter welcher hauptsächlich der Bauernbund und die Sozialdemokraten zu leiden hatten. Die Volkspartei blieb fast gleich. Von der Gemeinde Eismannsberg blieb die Hälfte der Wähler aus. Die Unabhängigen rekrutierten sich hauptsächlich aus den Quarzitwerksarbeitern.

 

Ein Nachtrag zum Kirchenbauverein. Er wurde erst wieder um 1970 aktiv, als er die Vorarbeiten zur Kirchenerweiterung im Jahr 1974 aufnahm. Der Sägewerksbetrieb Dattler/Weber endete 1990 wegen der Hochwasserfreilegung in Miltach.

 

 

75 000 Mark für Briefporto

Das Porto für einen Brief stieg damals schon auf 75 000 Mark. Viele Geschäfte wurden deshalb in Naturalien abgewickelt: die Feuerwehr Miltach bezahlte zum Beispiel ihre neue Spritze mit 268 Zentner Hafer.

Expositus Karl Holzgartner (in Miltach von 1916 bis 1924) beschäftigte sich in all seinen Einsatzorten mit Aufzeichnungen von Wetter, Brauchtum, Ortsgeschichte und Verfassen von Familienstammbüchern. Der erste Eintrag in der "Chronik der Expositur Miltach" berichtete zum Beispiel von einer privaten Feier.

 

15. Oktober 1920: Silberne Hochzeit Trenner. Heute feierten Hauptlehrer Georg Trenner mit seiner Gattin Maria seine Silberhochzeit. Gestern fand aus diesem Anlass ein abendliches Ständchen des Kirchenchores statt, anschließend gemeinsame Feier im Bräugasthaus mit Reden, Trinksprüchen und Musikbeiträgen.

 

8. Oktober 1920: Von Josef Kyrein, Unterbiberg, kam die Mitteilung, dass er Schloss Miltach dem Kunsthistoriker Dr. Richard Oertel zum Kauf zugesagt habe. Die Maria-Hilf-Kapelle aber nicht, sie wollte er der Gemeinde Miltach zuschreiben lassen. Die Gemeinde hat ihm zurückgeschrieben, sie kann kein Angebot machen, da das Eigentumsrecht zweifelhaft sei.

 

20. Oktober 1920: Das Wendelinifest verlief in herkömmlicher Weise. Es war ein sonniger, aber kalter Tag. Die Festpredigt hielt Pfarrer Stauner. Der Kirchenbesuch war sehr stark, was wohl auf die ringsum drohende Seuchengefahr zurückzuführen sein dürfte. Die Einnahme aus der Kollekte betrug 209 Mark.

 

 

Es war sehr gemütlich

11. November 1920: Das Martinifest wurde heuer besonders schön gefeiert. Das trockene Wetter hatte mehr als sonst auswärtige Gäste herbeigelockt. Die Kirche war zum Erdrücken voll. Als Festprediger fungierte Peter Zollner, Kooperator in Oberschneiding, früher mein Kooperator in Kümmersbruck, mit dem ich harmonisch zusammenarbeiten konnte. An der Prozession beteiligten sich die drei Ortsvereine mit Fahnen, angeführt von der Blasmusik. An Pferden ritten mit: 39 an der Spitze unter Voranritt eines Rotschimmels, 3 am Schluss (die 25-jährigen Jubelreiter aus Kötzting). Um 11.30 Uhr war die Feierlichkeit beendet. Die nachmittägliche Vesper hielt Pfarrer Stauner aus Chamerau unter Assistenz von Zollner und Wurm (Benefiziat Zandt). Weiter war am Nachmittag Expositus Stauber aus Harrling als Ehrengast anwesend. Es war sehr gemütlich. In drei Wirtschaften war Konzertmusik.

 

12. November 1920: Heute besuchte mich Herr Kyrein mit Gattin, um Abschied zu nehmen, da er vor zwei oder drei Wochen Schloss Miltach an Dr. jur. Oertel aus München verkauft habe und heute sein Wohninventar geholt habe. Das Wandkreuz in der Schlosskapelle, das er ebenfalls mitnehmen wollte, löste ihm Oertel eigens um 5 000 Mark ab.

 

19. November 1920: Wendelinglocke. Nach langem Warten ist heute endlich die neue Glocke auf den Turm gekommen, nachdem sie gestern abends mit dem letzten Zug von Straubing hier angekommen ist. Sie hat statt 400 Pfund wie bestellt nur 350 Pfund und statt dem Ton "C" ein "Cis". Auch die Aufschrift: "Bitt für uns, St. Wendelin", fehlt. Heute vormittags, während ich in Blaibach beim Elisabethfest war, wurde sie vom Gießer Gugg und seinem Helfer einmontiert. Der Preis beträgt 2 200 Mark. Jetzt kostet ein Pfund Glockengut 25 Mark. Geweiht wurde die Glocke nach Angabe von Gugg am vergangenen Mittwoch, den 17. November vom Geistlichen Rat und Stadtpfarrer Zingler in Straubing.

 

 

123 Haushalte besucht

Flachskollektur 1920: Ich begann mit der Flachskollektur am 1. Dezember bei schönem, trockenen Wetter und schneelosen Boden. Da ich vormittags wegen der anfallenden Beerdigung eines Kindes nicht gehen konnte, machten wir, ich und mein alter Begleiter Johann Nagl, die erste Tour auf die Berge. Wir kehrten beim Wirt in Heitzelsberg ein, wo wir gut bewirtet wurden mit Bier, Brot, Schweinefleisch und Kraut - umsonst. Am zweiten Halbtag kamen daran Berghäusl, Kolmitz, Flammried und Oberndorf und Miltach jenseits der Baderbrücke. Am dritten Halbtag Riesl, Hütten und Miltach bis auf fünf Anwesen. Am 4. Halbtag, Freitagnachmittag, das übrige Miltach sowie Leitl, Oberndorf und Untervierau. Im Großen und Ganzen trugen die meisten der raschen Geldentwertung Rechnung durch Erhöhung ihrer Gabe. In fünf Anwesen bekam ich Naturalien in Form von Flachs, was mir lieber war. Als Gegengabe bot ich Bildchen (von der Christlichen Kunstanstalt München), einige Medaillons und zwei Rosenkränze. Insgesamt besuchten ich und Nagl 123 Haushalte. Nach Abzug meiner Auslagen verblieben mir 481 Mark.

 

Als letzten Eintrag für das Jahr 1920 listete Holzgartner seine Einnahmen auf. Im Folgenden werden einige Positionen wiedergegeben, die er neben seinen Gehaltsbezügen erhielt. Stolgebühren, 31 Taufen = 118 Mark, 21 Hochzeiten = 307 Mark, 4 Versehgänge = 8 Mark, 7 Kinderbeerdigungen = 60,75 Mark, 9 Beerdigungen (Erwachsene) = 437 Mark, Beichtzettelgeld = 90 Mark, 6 Zentner Äpfel aus dem Pfarrgarten = 300 Mark, Gemüse aus dem Garten = 150 Mark, 16 ½ Ster Holz aus dem Pfarrwald = 825 Mark.

 

Kirche Miltach Alt

 

Die Kirchenrenovierung war im Dorf das große Ereignis

6. Januar 1921: „In den ersten Tagen des Januars hielten der Kirchenpfleger Franz Heigl von Höhenried und ich eine Haussammlung zur Aufbringung der Mittel für die Restaurierung unserer Kirche. In den allermeisten Häusern wurden wir gut aufgenommen, wenn wir auch manchmal der Freigebigkeit durch langes Zureden nachhelfen mussten. Wir brachten zirka 8000 Mark zusammen.

 

April 1921. Am Mittwoch, 13. 4. 1921, trafen von München die Möbelwägen mit der großen Skulpturensammlung  unseres Schlossbesitzers  Dr. Richard Örtel ein, die nun im Schloss aufgestellt werden soll. Die Sammlung war bereits 1914 für 750 000 Mark an das Deutsche Museum verkauft. Der Kaufvertrag wurde aber wieder gelöst, jetzt repräsentiert die Sammlung 2,5 Millionen Mark an Wert. In der Zeit vom 18. bis 20. April hielt ich die Beichtzettelsammlung. Sie verlief ganz glatt, wenn auch in einzelnen Haushalten die Beichtzettel nicht vollzählig vorlagen. Die Beichtzettelkreuzer beliefen sich auf 110 Mark, die Zahl der Eier betrug 762 Stück (Stückpreis: 60 Pfennig). Dem Träger Nagl gab ich 25 Mark und hielt ihn zechfrei.

 

5. Juni 1921. Heute veranstaltete die Einwohnerwehr Miltach ein Preisschießen mit Waldfest und Konzertmusik an der „Regenuferhäng“, unterhalb der Brauerei. Das Schießen begann um 12.00 Uhr Mittag,  um 4.00 Uhr früh hörte die Musik zum Spielen auf. Maßlos wie immer! Den 1. Preis, ein Schafbock, erhielt Alois Späth aus Flammried. Auf der Kegelbahn beim Bräu soll am gleichen Nachmittag ein lediger Bauer von Oberndorf 3000 Mark verspielt haben.

 

6. Juni 1921. Heute, Montag, begann das Einrüsten in der Kirche, die durch Maler Stoiber aus Kötzting restauriert werden soll. Es halfen dazu Mesner Zistler und der alte Johann Mühlbauer, Zimmerer, der schon bei der Restauration 1861 und 1886 dabei war. Das Gerüstholz stammte aus dem Kirchenwald. Es wurden 4 Gestelle verzapft und aufgestellt und darüber die 12 Meter langen Stangen gelegt.

 

Nachdem das Gerüsten erledigt war, begann am Donnerstagnachmittag der Maler J. Stoiber mit dem Abschaben der bisherigen Kalkschichten im Presbyterium. Im Laufe dieser Arbeiten stellte man fest, dass die mit fast kleinfingerdicken Mörtel- und Kalkschichten bedeckten Gewölberippen aus meist gelbkörnigen Granitsteinen bestanden. Sie sind nicht besonders sauber gearbeitet, wohl in Rücksicht darauf, dass sie ohnehin verputzt und bemalt werden sollten. Die angebrachte Bemalung stellte sich als einfache Strichmalerei in ziegelrot, ockergelb, dunkelgrün und fleischfarben dar. Die Unterschicht, auf der die Farben saßen, war weiß. Es mussten 14 Halbgurten mit Stahlbürste gewaschen werden – eine heillose Arbeit, wozu niemand mithelfen wollte. Am besten hat Mesner Zistler geputzt und für die Stunde nur 2 Mark verlangt. Da die Gewölberippen bei den Enden nicht immer zusammenpassten, musste der Maler manchmal mit Betupfen in Steinart etwas nachhelfen. An manchen Stellen hat er aber mehr nachgeholfen als mir lieb war.

 

An den Wänden der Stichkappen befanden sich folgende Bilder, die nicht besonders gut erhalten waren. 

1.) Ein musizierender Engel, der ein Horninstrument bläst. Der Kopf ist nur mehr in den Umrissen der Haare erkennbar, Gesichtsausdruck, Hals, Brust und Arme sind nicht mehr sichtbar. 2.) Ein ebenfalls musizierender Engel, Horn blasend, ziemlich gut erhalten, wie es scheint ein Brustbild. Sogar die großen runden Augen noch deutlich sichtbar. An den Wänden der meisten Stichkappen befanden sich ebenfalls zwei musizierende Engel, die hielten eine Art Mandoline in der Hand. In der Stichkappe über dem Südostfenster des Chores befanden sich die Sinnbilder „Stier“ für den Evangelisten Matthäus und „Löwe“ für Markus. Die Symbole der anderen Evangelisten waren nicht mehr aufzufinden.

 

Dem Generalkonservatorium, jetzt Landesamt für Denkmalpflege, wurde im Juni von den in der Kirche Miltach aufgedeckten Bildern gemeldet, da aber bis Samstag, 18. Juni, keine Mitteilung eintraf, wurden die Bilder an diesem Tag nachmittags überweißt. Erst am Montag, 28. Juni, traf ein Schreiben ein, dass im Laufe der nächsten Woche ein Restaurator vom Amt kommen würde. Ich teilte deshalb mit, dass die Bilder bereits überweißt seien und legte farbige Skizzen von fast allen Bildern bei. Die Malereien ganz zu erhalten konnte nicht geschehen, da sie durchwegs sehr schlecht erhalten waren, die Serie nicht mehr vollständig und sie zur ganzen Restauration nicht mehr passten. Am Samstag, 25. Juni, waren die Renovierungsarbeiten des Presbyteriums vollendet. Das Gerüst wurde noch am Vormittag entfernt.

 

Den Pfarrangehörigen gefällt übrigens die Art der Restauration, sie sagen: „Einfach, aber passend und schön“. Das Gewölbe nimmt sich jetzt nach Abschluss der Arbeiten viel höher aus. Die frühere dunkelgrüne Farbe des Gewölbes und die braunviolette der Wände und Rippen hat alles gedunkelt und gedrückt. Der blendend weiße Kalkanstrich wird jedenfalls viel zur Erhellung des Chorraumes beitragen“.  

 

Tod Martin
Innenrenovierung der Kirche dauerte Monate

 

„Nachdem in der Woche vom 6. bis 12. Juni das Gerüst fertiggestellt war, begann am Montag, 13. Juni, der Stuckateur seine Arbeiten. Es fehlten nämlich an den beiden großen mittleren Deckenbildern die Rahmenstücke. Bei Herstellung der Gipsschablone stellte der Meister fest, dass Teile der Rahmen schon mit Gips ausgebessert waren, die originalen Rahmenfragmente aber  schon aus dem 17. Jahrhundert stammen mussten, da sie noch aus Kalk und Sand bestanden.

 

Die Stuckaturarbeiten an den Bilderrahmen, die mit Gips unter Beimengung von einigem Kalk ausgeführt wurden, dauerten von Montag bis Freitag Früh. Die ausführende Firma war Otto Bucher – Walderbach. Als Stuckateur arbeitete Otto Kistenfeger, beheimatet in Tiefenbach, Geschäftsführer der Filiale Amberg. Er bekam an Stundenlohn 7,80 Mark und pro Tag 3,50 Mark als Zulage. Außerdem mussten wir Wohnung und Fahrgeld bezahlen.

 

Zugleich mit den Arbeiten des Stuckateurs begann der örtliche Schreiner Ellmann die drei runden Lüftungsöffnungen in der Decke des Langhauses auszuschneiden. Unbegreiflicherweise hatte man bei der letzten Restauration 1886/1889 die Lüftungsfrage falsch gelöst, indem man die drei Lüftungsöffnungen an der Unterseite der Fenster anbrachte. Dadurch konnte die warme, aufsteigende Raumluft nicht entweichen. So kam es, dass die Bilder und Statuen fast völlig erstockten und dem Holzwurm in erschreckender Weise anheim fielen.

 

Zwei Lüftungsöffnungen wurden zwischen den zwei großen Deckenbildern angebracht. Leider kam eines davon an die Stelle eines Tragbalkens, so dass wir rechts und links davon ausschneiden mussten.

 

 

Ein neuer Fensterdurchbruch

Am 13. Juni begannen die beiden Maurer Franz Xaver Fischer und Paul Vogl aus Oberndorf mit dem Ausbrechen eines Halbfensters an der Südseite in Höhe der Orgelempore. Das neue Fenster, das oben mit einem Rundbogen schließt, hat die Maße 1,2 mal 1,2 Meter. Die Kirchenmauer aus Naturstein weist eine Stärke von 0,95 Meter auf und war nicht mehr stabil. Ein Ziegel befand sich im Mauerwerk mit einer nicht mehr üblichen Dicke von 17 Zentimetern. Im Ganzen brauchten die beiden Maurer drei Tage. Schon am übernächsten Tag setzte der Zinngießer und Glaser Schlagintweit aus Cham das Fenster in den Eisenrahmen ein. Die Gesamtkosten betrugen 719,80  Mark.

 

Von den insgesamt 6 Gemälden der Flachdecke des Kirchenschiffes waren alle in einem sehr schlechten Zustand und kaum mehr kenntlich – besonders auch deswegen, weil große Teile davon mit Salpeter weiß überzogen waren. Wahrscheinlich benützte man damals Wasser vom Herrnbrunn. Um ähnliche Schäden in der Zukunft zu vermeiden, wird jetzt zum „Weissen“ und Malen nur Wasser aus dem Regenfluss benützt, das wohl kaum salpeterhaltig ist.

 

Deckenbilder Miltach

Durch die zwei großen mittleren Bilder, „Mantelwunder“ und „St. Martin auf dem Sterbebett“ gingen große Risse. Um das Herabfallen des Mörtelanwurfes zu verhindern, wurden sie mit Zinkblechschrauben  versehen.

 

Neu aufgedeckt und von der Tünche befreit wurden 1921 die vier ovalen Bilder in den Ecken der Kirchendecke des Langhauses. Sie weisen folgende Darstellungen auf: Ein Heiliger auf einem brennenden Bett; ein in Barockgewändern zelebrierender Priester vor einem Muttergottesbild; St. Martin hat himmlische Erscheinungen und St. Martin heilt Kranke. Die beiden großen Gemälde in der Mitte zeigen das bekannte Motiv der Mantelteilung des Pfarrpatrons. Merkwürdigerweise übergibt der Heilige Martin sein abgetrenntes Mantelstück nicht dem Bettler unmittelbar, sondern durch Vermittlung einer Frau, unter der die damalige Schlossfrau von Schönprunn vermutet wird.   Möglicherweise  hatte die Adelsfamilie das Gemälde finanziert?

Mantelteilung Miltach Alte Pfarrkirche
Kritik vom Amt für Denkmalpflege

Auch die Opferstöcke wurden versetzt. Der Opferstock in der Seelenkapelle aus Eiche geschnitzt, war vollständig verfault, so weit er im Boden steckte. An dessen Stelle wurde jener Opferstock aus Stein gesetzt, der sich in der Kirche unter der schmerzhaften Muttergottes befand. Der Wendelini-Opferstock wurde ebenfalls von seiner Stelle unterhalb der Wendelinfigur entfernt und  bei den hinteren „Frauenstühlen“ angebracht. Am 10. August wurde das Gerüst nach Abschluss der Arbeiten, die ohne Unfall verliefen, wieder entfernt. Die Malerarbeiten waren beschleunigt worden, da Stoiber noch seinen Schwager Kuchler aus Lam hinzugezogen hatte.

 

Heute, 12. August 1921, war Konservator Voraus vom Landesamt für Denkmalschutz hier. Er gab über die Bilder ein vernichtendes Urteil ab. Das gotische Presbyterium fand er in der Restauration  gut gelungen. Den dunklen Anstrich der  Chorgestühle billigte er. Kritisch äußerte er sich allerdings zu den beiden Deckenbildern. Er nannte sie „Abziehbilder“ und er hegte im Ernst noch, sie weiß zu übermalen! Das Bild über dem Chorbogen hätte nicht übermalt, sondern nur ausgebessert gehört. „Der knallrote Ton verdirbt die ganze Kirche“! Zu Maler Stoiber sagte der Konservator: „Sie rühren mir in keiner Kirche noch ein Bild an. Ich lass mir von ihnen keine Kirche mehr verderben“!

 

Soweit die Berichte von Expositus Holzgartner. Ein Glück, dass die beiden Deckenbilder 1921 nicht übermalt wurden. Gerade sie wurden in den folgenden Jahrzehnten von den Kirchenbesuchern  bewundert und geliebt.  Im März 1974 verschwanden die Gemälde allerdings bei den Abbrucharbeiten  für die Kirchenerweiterung.

 

(Bildquellen: Christian Röhrl, Erwin Vogl, www.idowa.de, www.mittelbayerische.de)